Geschlossene Gesellschaft
 
 

18. Internationale Schillertage
vom 12. bis 20. Juni 2015
Ein Schild mit der Aufschrift »Geschlossene Gesellschaft« hängt vor einem Gastraum. Ein Wirt hat eine Gesellschaft zu Gast, die die Gaststätte in einen Raum verwandelt, in dem jetzt privatere Regeln gelten. Dieser privatere Raum bietet andere Freiheiten, hat aber auch andere Regeln als der öffentliche Raum.

In einer solchen kleinen Szene ist schon alles vorhanden, was geschlossene Gesellschaften so reizvoll und zugleich so problematisch macht. Sie definieren sich über Zugangsbeschränkungen, aber eben auch über Einladungen.

Schillers Werke sind voll von solchen ambivalenten Räumen. Die Studentenkneipe in Die Räuber, in der sich die kleine Gruppe um Karl
als freie Menschen fühlt, um später im Eindringen in und der Plünderung
einer geschlossenen Gesellschaft per se, eines Klosters nämlich, ihre Menschlichkeit zu verlieren; der Thronsaal am Hof Elisabeths, in dem die Königin und ihre Ratsherren über die Bedingungen ihrer Politik nachdenken; die Gärten und der Kerker des spanischen Königshofes, in dem die Freunde Posa und Don Carlos so zusammen kommen, dass sie in Freundschaft die Intrige überwinden.

Geschlossene Gesellschaften bieten die Möglichkeit größerer Freiheit und zugleich die Gefahr der Entmenschlichung nach außen oder auch nach innen.

Die 18. Internationalen Schillertage suchen die Ambivalenz, das traum- wie alptraumhafte Potential geschlossener Gesellschaften heute. Denn Europa wird einerseits selbst als ein Bilderbuch der Freiheit dargestellt, andererseits werden seine Grenzen nach innen wie nach außen strikter gezogen. Vielleicht hilft Schiller sich daran zu erinnern, dass die unveräußerlichen Rechte des Menschen nicht an Europa hängen, sondern zu allerletzt im gestirnten Himmel.

Schiller war als Historiker wie als Dramatiker ein Spezialist innereuropäischer Kolonialgeschichte und Kenner sowohl der Kolonialisten
als auch der Kolonialisierten, deren Perspektiven er aufeinanderprallen
ließ und durcheinanderwirbelte. »Rhetoriken kultureller Differenz« (Achille Mbembe) verfestigen nur die Ungleichheit, die sie beseitigen wollen.

Aufführungen und Arbeiten aus Afrika, die die Internationalen Schillertage eingeladen haben − überwiegend auf dem Gelände der ehemaligen Franklin-Kaserne zu sehen, das ausnahmsweise für Publikum offen steht − sind ein Fenster, aus dem man sehen kann, was aus Schillers Abschaffung der Knechtschaft, seinem Freiheitsbegriff und der Unveräußerlichkeit der Menschenrechte werden kann.

 

Rückblick:

17. Internationale Schillertage 2013 − klicken Sie hier.
16. Internationale Schillertage 2011 − klicken Sie hier.
15. Internationale Schillertage 2009 − klicken Sie hier.
14. Internationale Schillertage 2007 − klicken Sie hier.