• Thema 2011

16. INTERNATIONALE SCHILLERTAGE
2. BIS 10. JUNI 2011

 

MACHT GESCHICHTE!

 

„Ein edles Verlangen muss in uns entglühen, zu dem reichen Vermächtnis von Wahrheit, Sittlichkeit und Freiheit, das wir von der Vorwelt überkamen und reich vermehrt an die Folgewelt wieder abgeben müssen, auch aus unsern Mitteln einen Beitrag zu legen und an dieser unvergänglichen Kette, die durch alle Menschengeschlechter sich windet, unser fliehendes Dasein zu befestigen“, schreibt Schiller 1789 in seiner Antrittsvorlesung am Lehrstuhl der Universalgeschichte in Jena. Kurz darauf bricht die Französische Revolution aus; Männer und Frauen leisten ihren blutigen „Beitrag“ auf den Barrikaden von Paris und schreiben Geschichte. Da unterrichtet der Autor der „Räuber“ und des „Don Carlos“ bereits als angesehener Professor.

Der „Historiker der Freiheit“, wie Golo Mann Friedrich Schiller nannte, ist heute fast vergessen. Dabei war der Dramatiker Schiller immer auch Historiker, ein erfolgreicher noch dazu. Mit seiner „Geschichte des Abfalls der Niederlande“ gelang ihm ein Publikumserfolg; eine literarisch anspruchsvolle Geschichtsschreibung, wie es sie in deutscher Sprache bis dahin nicht gab. Schiller sah die gesamte Menschheit durch die Kette der historischen Ereignisse miteinander verbunden. Der Drang nach Freiheit war ihm Versprechen und Motor der Geschichte: vom spätmittelalterlichen Frankreich der „Heiligen Johanna“, über das Elisabethanische England der „Maria Stuart“ bis zur „Geschichte des Deyßigjährigen Kriegs“. Schillers historischer wie dramatischer Kosmos spiegelt die großen europäischen Konflikte und entwickelt daraus die Koordinaten eines demokratischen Europas unabhängiger Staaten und freier Bürger.

Immer wieder behandelte Schiller das Verhältnis des Einzelnen zur Geschichte, die Freiheit des Subjekts und die Verantwortung gegenüber dem historischen Augenblick. Schiller erforschte Umbruchssituationen, historische Schwellen, an denen das handelnde Subjekt steht und taumelnd in einen Abgrund blickt. „Freiheit“ schreibt der niederländische Literaturwissenschaftler Eelco Runia, „ist für Schiller durch und durch paradox. Für Schiller bedeutet Freiheit nicht nur die Möglichkeit, sondern die Pflicht, bisher ungehörte, furchtbare Dinge zu tun, Dinge, die durch nichts bestimmt sind, was zuvor kam.“ Im Moment des Handelns können wir nicht wissen, was sich erst im Rückblick erschließt. Geschichte wird blind gemacht. Deswegen sind Schillers Heldenfiguren historische Verbrecher, die an ihren Taten schuldig werden und selbst ins Verderben stürzen: Wie Karl Moor, der die familiären Hierarchien angreift und zum desillusionierten Terroristen wird, wie der Marquis von Posa, der seinen Freund Don Carlos für die revolutionären Ziele missbraucht, oder wie Fiesco, der so lange zögert, sich an die Spitze einer neuen Gesellschaft zu stellen, bis diese über ihn hinweg geht. Wie kann der Einzelne seinen Beitrag leisten, wie geschichtsmächtig handeln, wenn Geschichte doch immer erst im Rückblick ihre Ziele offenbart? „Taten wie diese, überlegt man, wenn sie getan sind,“ lässt Schiller Karl Moor am Ende der „Räuber“ sagen. Das Dilemma aus Wissen und Handeln prägt die Figuren der Schillerschen Dramen ebenso wie seine geschichtsphilosophischen Thesen.

Auch wenn der Mensch nicht Herr der Geschichte ist, kommt es für Schiller darauf an, so zu handeln als ob Freiheit möglich wäre - nicht nur individuell, sondern als geschichtliche Bestimmung des Menschengeschlechts. „Das ist eine Zuversicht, die weiß, dass sie sich nicht auf einen vermeintlich objektiven Gang der Geschichte stützen kann, sondern dass sie ihr belebendes Moment in die Geschichte einbringen muss, um sich wahr zu machen." schreibt Rüdiger Safranski. Das Vorstellungsvermögen ist die Fähigkeit, die tatsächliches Handeln ermöglicht. Posas berühmte Forderung nach „Gedankenfreiheit“ im Don Carlos wird so zur Bedingung politischen Handelns überhaupt, eben dafür, das eigene „fliehende Dasein“ an der unvergänglichen Kette der Geschichte zu befestigen.

Schillers Geschichtsverständnis bewegt sich im Spannungsfeld von rückwirkend Sinn stiftender Geschichtsschreibung als wesentlichem Instrument gesellschaftlicher Erkenntnis und geschichtsblindem Tätertum – Theater und Geschichte, Flüchtigkeit und Bewahrung, Handeln und Erkennen. Damit stellt sich mit Schiller für die Gegenwart nicht nur die Frage nach den Erkenntnissen und Hinterlassenschaften, die es in die globalisierte Welt hinüberzuretten gilt, sondern auch nach den Handlungsspielräumen und der Handlungsfähigkeit der Subjekte. Gerade angesichts globaler Vernetzung und weltweiter Klimaveränderung gewinnt Schillers universalistischer Geschichtsbegriff wieder an Relevanz und fordert uns als kritische und handelnde Zeitgenossen.

Die 16. Internationalen Schillertage gehen mit Künstlerinnen und Künstlern aus Europa und der Welt auf die Suche nach der eigenen Geschichte, den großen historischen Linien und den individuellen wie gemeinschaftlichen Handlungsspielräumen. Wie in den letzten Jahren lädt das Festival zu Gastspielen aus dem In- und Ausland, Eigen- und Koproduktionen sowie Seminaren und Vorträgen ein und lässt die Abende mit langen Konzertnächten und Parties ausklingen. Neun Sommertage und -Nächte lang bespielen die Internationalen Schillertage die Bühnen des Nationaltheaters und ihrer Partnerinstitutionen sowie den gesamten Stadtraum Mannheims mit speziell für das Festival in Auftrag gegebenen Inszenierungen, Installationen, Konzerten und Aktionen.

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